Schachteln tragen – gut gemacht!
Mit ihrem charmanten Flitzer biegt Viktoria auf dem Parkplatz des Reiterhofes ein. Die Sonne ist bereits am Untergehen. Wer Viktoria mit ihrem Auto sieht und ihr typisches Outfit kennt, würde denken, Viktorias Auto ist das wichtigste Ding in ihrem Leben. Lieblingsschuhe und Auto sind in exakt der gleichen Farbe gehalten.
„Was wohl zuerst da war, die Schuhe oder das Auto?“ Das hatte Sophia einmal scherzhaft in die Runde der Vier gefragt, als sie Viktoria mit hellblauen Schuhen aus dem hellblauen Auto steigen gesehen haben. Lisa hatte damals vergnügt mit den Augen gerollt, die Antwort von ihrem Freund Marc hatte er sich aber glücklicherweise nur gedacht und nicht gesprochen. Die Auffälligkeiten bei der Auswahl von Farbe in Sachen Kleidung sind schließlich auch bei Sophia nicht ganz zu unterschätzen, aber Marc hatte damals seinen Mund gehalten und erst nachher beim Heimfahren mit Lisa ein paar sarkastische Bemerkungen gemacht. „Ich bin gespannt, ob sie das noch so sagt, wenn Lucas ihr vorschlägt in einem Leopard-Panzer die Hochzeitsreise anzutreten.“ war eine der vielen Bemerkungen von Marc gewesen und die war noch nicht mal wirklich auf Sophias Styling bezogen.
Das Auto ist aber nicht das wichtigste in Viktorias leben. Reiten und ihr Pferd Nightfire stehen auf der Liste der Wichtigen Dinge ganz oben. Das Auto schafft es nicht mal in die Top-5 von Viktorias Hitliste. Sie blickt auf das Feld und auf die untergehende Sonne, die wohl in etwa einer halben Stunde verschwunden sein wird. Paul ist sicher noch am Hof. Sie bleibt mit dem Auto stehen, die Bremsen quietschen nicht, aber man hört den Schotter unter den Reifen ihres Autos rauschen.
Der Wagen steht, Viktoria drückt kurz auf die Hupe und blendet das Licht auf. Dann öffnet sie die Autotür und steigt aus.
„Paul“, ruft sie hinüber zum Stall.
„Jawohl!“ kommt es retour aus dem Pferdestall.
„Komm her, hol’ schnell die Einkäufe ab, ich muss weiter!“ fordert Viktoria. Im Laufschritt kommt Paul aus dem Stall heraus, biegt zum Parkplatz ab.
„Kein Problem.“ schnauft er.
Viktoria lässt den Kofferraum aufspringen, schließt dann die Autotür und bleibt neben dem Kofferraum stehen.
„Soll alles rein?“ will Paul von ihr wissen.
„Ja, alles was ich heute besorgt habe, gehört rüber ins Hauptgebäude. Und die Mineralstoffe, also den weißen Kübel, kannst du gleich zu deinen Futtervorräten im Lager stellen.“ erwidert Viktoria. Paul greift sich die erste Schachtel, ist kurz vom Gewicht der Schachtel überrascht und hätte sie fast wieder fallen lassen. Er stellt sie kurz auf dem Kofferraum ab, greift mit den Händen um und schleppt sie davon.
Viktoria setzt sich dann wieder in ihr Auto und wartet. Im Rückspiegel sieht sie, wie Paul wieder zum Auto kommt. Sie lässt das Fenster herunter, als Paul am Kofferraum steht und die restlichen Einkäufe aus dem Kofferraum nimmt.
„Hast du alles?“ ruft Viktoria vom Auto heraus.
„Ja, ich denke schon.“ antwortet Paul.
„Dann mach den Kofferraum zu.“ fordert Viktoria auf. Paul beugt sich hinunter und stellt die Einkäufe vor sich auf den trockenen Schotterboden, richtet sich wieder auf und greift nach dem Kofferraum-Deckel.
„Rschttt… Klack“ macht es, Paul hat mit Schwung den Kofferraum des hellblauen Sportwagen zugemacht. „Danke, gut gemacht.“ dringt es aus dem Auto von Viktoria, das Geräusch des Fensters beim Schließen ist zu hören, Viktoria startet das Auto und biegt aus dem Parkplatz ab wieder auf die Straße zurück.
Paul steht noch mit den restlichen Schachteln und einem weißen Kübel mit Mineralstoffen für Pferde auf dem Parkplatz und schüttelt den Kopf. „Gut gemacht?“ überlegt er. Unverständnis ist das, was sich in Paul gerade abspielt. Einerseits scheint sich Viktoria gerade verhalten zu wollen, als ob alle rund um sie herum ihr Eigentum wären, andererseits lobt sie ihn für Tätigkeiten, für die man einfach nicht wirklich loben kann – etwa das erfolgreiche Herausnehmen von Schachteln aus einem Kofferraum. Sie klingt dabei irgendwie, als müsste man hier ernsthaft in Frage stellen, ob diese Aufgabe erfolgreich zu bewältigen wäre. Der Gedanke würde nicht besser werden, wenn sich das Lob auf das erfolgreiche Schließen des Kofferraums bezogen hätte. Verständnislos schüttelt Paul den Kopf, beugt sich hinunter und schleppt die Einkäufe von Viktoria davon, während sie auf der Straße vor dem Reitgut davonbraust.
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Ein Reiterhof-Krimi von Elvira G.
Elvira G. möchte herausfinden, ob ihre Geschichte aus deiner Sicht eine gute Geschichte ist. Wir veröffentlichen hier ihre Geschichte, sie möchte es noch nicht mit ihrem vollständigen Namen veröffentlichen. Sie (und wir) freuen uns über Feedback zu dieser Geschichte von dir.
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