Der Dschungel der Reitweisen: Die bekanntesten Lehrmethoden und Herangehensweisen im Vergleich
Wer mit dem Reiten beginnt oder sich als erfahrener Reiter reiterlich weiterentwickeln möchte, stellt schnell fest: Den einen Weg zum perfekt ausgebildeten Pferd gibt es nicht. Die Reitsportszene ist geprägt von einer Vielzahl an Philosophien, Ausbildungssystemen und modernen Trainingsmethoden. Während die einen auf jahrhundertealte Traditionen vertrauen, setzen andere auf Erkenntnisse aus der modernen Verhaltensforschung oder der Biomechanik.
Um Licht ins Dunkel zu bringen, stellt dieser Artikel die bekanntesten Lehrmethoden und Herangehensweisen im Pferdesport vor, erklärt ihre Kernmerkmale und zeigt, wie sie sich voneinander unterscheiden.
Klassische und traditionelle Fundamente
Klassische Reitlehre (FN / Richtlinien für Reiten und Fahren)
Das in Deutschland, Österreich und der Schweiz am weitesten verbreitete System basiert auf den Richtlinien der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Das Fundament bildet die Skala der Ausbildung (Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten, Versammlung).
- Was sie ausmacht: Ein logisch aufeinander aufbauendes System, das das Pferd systematisch gymnastizieren und gesund erhalten soll. Ziel ist ein durchlässiges Pferd, das fein auf die Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen reagiert.
- Unterschied zu anderen: Sie ist stark sport- und leistungsorientiert (Dressur, Springen, Vielseitigkeit) und bildet die Basis für den klassischen Turniersport.
Klassisch-Barocke Reitweise / Akademische Reitkunst
Inspiriert von den alten Meistern der Renaissance und des Barocks (wie Antoine de Pluvinel oder François Robichon de la Guérinière). Ein bekannter moderner Vertreter der Akademischen Reitkunst ist beispielsweise Bent Branderup.
- Was sie ausmacht: Das Training beginnt fast immer sehr intensiv am Boden (Handarbeit) und legt extremen Wert auf die Biomechanik des Pferdes. Die Dressur wird hier nicht als Selbstzweck oder Turniersport verstanden, sondern die „Dressur ist für das Pferd da, nicht das Pferd für die Dressur“.
- Unterschied zu anderen: Es wird oft gebisslos oder auf blanke Kandare mit minimaler Zügeleinwirkung geritten. Die Hilfengebung erfolgt fast ausschließlich über den Sitz. Turniere spielen hier keine Rolle.
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R. Vidmar (echonet)Natural Horsemanship Bewegung
In den 1980er und 90er Jahren revolutionierten Trainer aus den USA den Umgang mit Pferden, indem sie die natürliche Kommunikation der Pferde untereinander (Herdenverhalten) analysierten und auf den Menschen übertrugen.
Parelli-Methode (Pat Parelli)
Das wohl bekannteste Horsemanship-System weltweit. Es basiert auf den „7 Games“ (sieben Spielen), die der Reiter zunächst am Boden und später im Sattel mit dem Pferd absolviert.
- Was sie ausmacht: Ein stark strukturiertes System, das in verschiedene „Levels“ unterteilt ist. Es arbeitet viel mit Körpersprache, Seilen, Knotenhalftern und der mentalen Einstellung des Reiters. Ziel ist es, dass der Mensch vom Pferd als „Alpha-Tier“ (respektierter Anführer) akzeptiert wird.
- Unterschied zu anderen: Sehr starker Fokus auf die Psychologie des Pferdes und die Beziehung am Boden, bevor überhaupt an klassische Gymnastizierung unter dem Sattel gedacht wird.
Andere Horsemanship-Ansätze (Monty Roberts, Buck Brannaman)
Während Monty Roberts durch sein „Join-Up“ (das gezielte Wegtreiben und Einladen des Pferdes in der Rundbühne) bekannt wurde, verbindet Buck Brannaman die feine altkalifornische Reitweise mit Horsemanship. Allen gemein ist das Prinzip von Druck und Nachgeben (negativer Verstärkung): Das Pferd lernt, indem der Druck genau in der Millisekunde komplett weggenommen wird, in der es die gewünschte Reaktion zeigt.
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Online-Werbung Reiten & PferdeModerne, verhaltens- und mentalfokussierte Methoden
In den letzten Jahren haben sich Methoden etabliert, die die Brücke zwischen der psychologischen Gelassenheit des Pferdes und der körperlichen Leistungsfähigkeit im Sport schlagen.
TRT-Methode der Reitlehre (Tristan Tucker)
Der australische Grand-Prix-Dressurreiter Tristan Tucker hat mit seiner TRT-Methode (Tristan Tucker Training) ein System geschaffen, das im modernen Turniersport extrem populär geworden ist.
- Was sie ausmacht: Tucker fokussiert sich darauf, Pferden beizubringen, wie sie mit ihrer eigenen Unsicherheit und Umweltreizen (Flatterbänder, Applaus, Kameras) umgehen können. Statt das Pferd mit Leckerlis abzulenken oder vor der Angst wegzureiten, lernt das Pferd durch gezielte Bodenarbeits-Muster, seinen eigenen Körper zu kontrollieren und sich selbst zu entspannen.
- Unterschied zu anderen: Sie versteht sich nicht als eigene Reitweise, sondern als „Werkzeugkasten“ für Sport- und Freizeitpferde aller Disziplinen. Sie setzt genau dort an, wo die klassische Reitlehre oft versagt: beim Stressmanagement des Pferdes in unheimlichen Situationen.
Tellington-Methode (Linda Tellington-Jones)
- Was sie ausmacht: Bekannt für die sogenannten „TTouch“-Körperarbeitsgriffe (kreisende Bewegungen mit den Fingern auf der Pferdehaut) und das Führen durch spezielle Bodenarbeits-Parcours (Labyrinth, Stangen).
- Unterschied zu anderen: Extrem sanft, stark fokussiert auf die Aktivierung des Nervensystems, den Abbau von körperlichen Blockaden und das Vertrauen. Oft genutzt zur Rehabilitation oder für Traumapferde.
Methoden im direkten Vergleich: Wo liegen die Unterschiede?
Um die Orientierung zu erleichtern, lassen sich die Herangehensweisen anhand ihrer Schwerpunkte unterscheiden:
| Methode / Herangehensweise | primärer Fokus | Hauptwerkzeuge | Turniereignung |
|---|---|---|---|
| Klassische Reitlehre (FN) | Gymnastizierung, Fitness, Sportliche Leistung | Skala der Ausbildung, Trense/Kandare | Sehr hoch (Standard) |
| Akademische Reitkunst | Biomechanik, Gesunderhaltung, Historische Kunst | Handarbeit, feine Sitzhilfen, Blanker Zügel | Nicht vorgesehen |
| Parelli Horsemanship | Beziehung, Rangordnung, Pferdepsychologie | 7 Games, Knotenhalfter, Bodenarbeitsseil | Eher gering (Freizeitfokus) |
| TRT-Methode (Tucker) | Stressmanagement, Eigenkontrolle des Pferdes | Mentale Muster, Desensibilisierung am Boden | Sehr hoch (für Sportpferde optimiert) |
Welche Methode ist die richtige?
Der moderne Trend im Reitsport geht klar in Richtung Eklektizismus – das bedeutet, dass sich immer mehr Reiter nicht mehr nur einer starren Schule verschreiben, sondern das Beste aus verschiedenen Welten kombinieren. Du musst es mit deinem eigenen Gefühl für dein Pferd natürlich immer selbst entscheiden, aber wir hoffen, dass wir dir bei uns auf dieser Seite einige Anstöße geben können, die deine Entscheidungsfindung unterstützen.
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