Rüstung für Pferdebeine: Sinn und Unsinn von Gamaschen und Hufglocken
Ob beim Springen über mächtige Hindernisse, beim rasanten Galopp im Gelände oder beim ausgelassenen Bocken auf der Weide: Die Beine unserer Pferde sind enormen Belastungen ausgesetzt. Sehnen, Bänder und Knochen liegen direkt unter der Haut und sind kaum durch schützendes Fett- oder Muskelgewebe gepolstert. Kein Wunder also, dass Beinschutz in Form von Gamaschen und Hufglocken im Reiteralltag allgegenwärtig ist.
Doch wann ist der Schutz wirklich sinnvoll, was bewirken die verschiedenen Modelle und wo liegen die oft unterschätzten Gefahren?
Die Grundregel für dich als Reiterin oder Reiter lautet: Nutze Gamaschen gezielt bei hoher Belastung (Sprüngen, unebenem Boden, Toben in der Herde) und nimm sie sofort nach der Arbeit ab!
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Gustavo Fring / Pexels QuelleGamaschen und Hufglocken: Was sie bewirken & warum man sie nutzt
Beinschutz erfüllt im Wesentlichen zwei Aufgaben: Er schützt vor Stößen von außen (Schlag- und Streifschutz) und verhindert, dass sich das Pferd mit den eigenen Hufen verletzt (Trittschutz).
Gamaschen: Der Schild für das Röhrbein
Gamaschen umschließen das Pferdebein vom Fesselkopf bis kurz unter das Vorderfußwurzel- bzw. Sprunggelenk. Sie schützen vor allem das Röhrbein, den Fesselkopf sowie die empfindliche Beugesehne an der Beinrückseite.
Warum man sie verwendet: Beim Reiten (besonders beim Springen oder in engen Wendungen) können die Beine des Pferdes aneinanderstreifen oder zusammenschlagen. Auf der Weide schützt eine Gamasche vor schmerzhaften Tritten durch Herdenmitglieder oder Verletzungen beim plötzlichen Toben.
Hufglocken: Der Schutz für den Ballen
Hufglocken (oft auch Springglocken genannt) sind becherförmige Manschetten, die über den Huf gestülpt werden und den Kronrand sowie die Ballen an der Rückseite des Hufs abdecken.
- Warum man sie verwendet: Manche Pferde neigen dazu, mit den Hinterhufen so weit unterzutreten, dass sie den Vorderbeinen gefährlich nahekommen. Greift sich das Pferd mit dem Hinterhuf in den Ballen des Vorderhufs, kann das zu tiefen, schlecht heilenden Fleischwunden führen. Zudem verhindern Hufglocken effektiv, dass sich das Pferd die vorderen Hufeisen mit den Hinterhufen selbst „abtritt“.
Kehrseite der Medaille?
Obwohl der schützende Effekt auf der Hand liegt, warnen Tierärzte und Biomechaniker zunehmend vor dem unüberlegten Dauereinsatz von Beinschutz.
Vorteile von Hufglocken und Gamaschen
- Mechanischer Schutz: Zuverlässige Abwehr von Prellungen, Schürfwunden, Knochensplittern (Überbeinen) und Sehnenverletzungen durch äußere Einwirkung.
- Sicherheit im Gelände: Schutz vor scharfen Ästen, Steinen oder festen Hindernissen beim Cross-Country oder Ausreiten.
- Kostenersparnis: Ein verlorenes Hufeisen oder eine Fleischwunde auf der Weide kostet schnell viel Geld und Zeit – Hufglocken beugen dem vor.
Nachteile - die unterschätzten Risiken des Beinschutzes
- Gefährlicher Hitzestau: Dies ist der größte Nachteil. Unter Neopren- oder Hartschalengamaschen steigt die Temperatur am Bein bei der Arbeit rasant an (oft über 40 Grad Celsius). Da Sehnenzellen extrem hitzeempfindlich sind, kann dieser Wärmestau die Struktur der Sehnenfasern langfristig schädigen und Sehnenentzündungen begünstigen.
- Einschränkung der Propriozeption: Gamaschen verändern die Hautwahrnehmung des Pferdes. Das Pferd spürt seine Beine nicht mehr präzise im Raum, was die Trittsicherheit paradoxerweise verschlechtern kann.
- Druckstellen und Scheuern: Dringt Sand oder Sand-Wasser-Gemisch unter die Gamasche, wirkt das wie Schmirgelpapier. Auch zu eng gezogene Klettverschlüsse können den Lymphfluss abschnüren.
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Online-Werbung Reiten & PferdeAlle Beine oder nur bestimmte? Die richtige Verteilung
Muss ein Pferd nun rundum „eingepackt“ werden, oder reichen zwei Gamaschen? Das hängt ganz von der Anatomie des Pferdes und der Disziplin ab.
Gamaschen: Meistens vorne, manchmal hinten
- Nur vorne: Beim klassischen Dressur- oder Freizeitgiten auf geraden Linien reicht Beinschutz an den Vorderbeinen meist völlig aus. Die Vorderbeine tragen von Natur aus mehr Gewicht und sind durch das Vortreten der Hinterhand gefährdeter.
- Rundum (Vier Beine): Sinnvoll ist der Rundumschutz beim Springen, beim Geländeritt (Vielseitigkeit) oder bei Pferden, die sich in Seitengängen (z. B. Traversalen) an den Hinterbeinen streifen. Auch beim Weidegang in einer unruhigen Herde oder bei Pferden, die bekanntermaßen viel toben, schützt ein Rundum-Beinschutz vor bösen Überraschungen.
Hufglocken: Fast immer nur vorne
- Hufglocken werden in 95 % der Fälle nur an den Vorderbeinen angelegt. Der Grund ist simpel: Die Verletzung entsteht, weil das Hinterbein von hinten in den Vorderhuf tritt.
- An den Hinterbeinen machen Hufglocken nur in seltenen Ausnahmefällen Sinn – etwa wenn ein Pferd extreme Stellungsfehler hat und sich hinten selbst in die Ballen tritt, oder im Springsport bei Pferden, die beim Touchieren der Hindernisstangen zu Ballenverletzungen neigen.
Fazit: So viel wie nötig, so wenig wie möglich
Beinschutz ist ein hervorragendes Hilfsmittel, um akute Verletzungen beim Reiten und auf der Weide zu verhindern. Er sollte jedoch niemals aus reiner Gewohnheit oder als „modisches Accessoire“ genutzt werden.
Die goldene Regel lautet: Nutze Gamaschen gezielt bei hoher Belastung (Sprüngen, unebenem Boden, Toben in der Herde) und nimm sie sofort nach der Arbeit ab, damit die Beine abkühlen können. Für ein Pferd mit korrektem Gangbild, das entspannt auf ebenem Boden in der Dressur oder im Schritt bewegt wird, ist „barfuß“ am Bein oft die gesündeste Option.
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