Fliegensprays und Insektenmittel fürs Pferd
Wenn die Weidesaison ihren Höhepunkt erreicht, fliegen sie wieder Angriffe im Minutentakt: Bremsen, Mücken, Gnitzen und Zecken. Neben mechanischem Schutz wie Decken und Masken greifen fast alle Pferdebesitzer zu flüssigen Abwehrmitteln. Fliegensprays, Gele und Lotionen zum Auftragen versprechen schnelle Linderung. Was steckt hinter den flüssigen "Schutzschildern", die hier angepriesen werden? Welche Wirkstoffe sind hier enthalten? Wo liegen die pflanzlichen Alternativen bzw. was ist eigentlich daran der "chemische" Anteil?
Mythos oder (zumindest gefühlte) Wahrheit: Werden die Insekten gegen die Sprays immun? Jeder Reiter und jede Reiterin können das in irgendeiner Form bestätigen. Allerdings ist es wissenschaftlich wohl nur schwer zu untermauern. Eine Resistenz in genetischer Form können Insekten innerhalb von einem Sommer nicht entwickeln, eine solche genetische Anpassung ist - wie bei allen Lebewesen - nur über viele Generationen möglich. Aber was steckt tatsächlich dahinter?
Doch wie wirken die flüssigen Schutzschilde eigentlich, welche Chemie oder Natur steckt dahinter, und warum hat man oft das Gefühl, dass das teure Spray nach zwei Wochen plötzlich gar nichts mehr bringt? Ein tiefer Blick auf Wirkstoffe, Haut und die Taktiken der Insekten.
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Wirkstoffe in Insektensprays - Die häufigsten Lösungen
Flüssiger Insektenschutz basiert in der Regel auf sogenannten Repellents. Das sind Stoffe, die Insekten nicht zwangsläufig töten, sondern deren Geruchsorgane so irritieren oder abstoßen, dass sie das Pferd meiden. Man unterscheidet zwischen synthetischen und pflanzlichen Wirkstoffen:
Icaridin bei Premium-Sprays - auch als »Picaridin« bekannt
- Wirkung: Icaridin gilt als einer der modernsten und zuverlässigsten Wirkstoffe. Es legt sich als unsichtbarer Duftmantel über die Haut und blockiert die Sensoren der Insekten, die auf die Lockstoffe des Pferdes (wie Schweiß und Kohlendioxid) anspringen.
- Vorteil: Es ist extrem wirksam gegen Bremsen und Zecken, verklebt das Fell nicht und ist geruchsneutral für den Menschen.
DEET (Diethyltoluamid)
- Wirkung: Der absolute Klassiker im extremen Dschungel-Mückenschutz für Menschen, der auch in einigen sehr starken Pferdesprays zum Einsatz kommt.
- Vorteil: Unschlagbar stark gegen Stechmücken und Bremsen.
- Nachteil: DEET greift Kunststoffe und Lacke an (Vorsicht bei Sätteln und Zaumzeug!) und wird über die Haut in geringen Mengen resorbiert.
IR3535 (Ethylbutylacetylaminopropionat)
- Wirkung: Ein synthetischer Stoff, der der natürlichen Aminosäure Beta-Alanin nachempfunden ist. Er gilt als sehr sicher und sanft, weshalb er oft in Sprays für sensible Pferde oder Ekzemer zu finden ist.
Permethrin / Pyrethroide (Insektizide)
- Wirkung: Achtung, hierbei handelt es sich um kein reines Repellent, sondern um ein Nervengift (oft in sogenannten "Wipe-On"-Lotionen oder medizinischen Wellcare-Emulsionen). Es tötet die Insekten bei Kontakt ab.
Pflanzliche Öle & Extrakte (Citriodiol, Teebaumöl, Neemöl, Knoblauch)
- Wirkung: Citriodiol (gewonnen aus dem Zitroneneukalyptus) ist der wirksamste natürliche Stoff und hält in Studien oft mit synthetischen Mitteln mithalten. Reine ätherische Öle (wie Nelken-, Teebaum- oder Walnussöl) überdecken den Eigengeruch des Pferdes durch eine starke, eigene Duftnote.
Hautverträglichkeit: Was verträgt die Pferdehaut?
Die Haut des Pferdes ist zwar dick, unter dem Fell aber überraschend sensibel – oft sensibler als die menschliche Haut.
- Synthetische Wirkstoffe (Icaridin, IR3535): Weisen in der Regel die beste Verträglichkeit auf. Sie lösen selten Allergien aus und brennen nicht auf der Haut.
- Ätherische Öle: Hier ist Vorsicht geboten. Viele Reiter glauben "Natur ist immer sanft" – das Gegenteil ist oft der Fall. Reine ätherische Öle wie Teebaumöl oder unverdünnte Zitrusöle haben ein enorm hohes Allergiepotenzial. Sie können bei starker Sonneneinstrahlung phototoxische Reaktionen (wie einen schweren Sonnenbrand), Hautrötungen, Schuppenbildung und extremen Juckreiz auslösen.
- Sensible Zonen: Augen, Nüstern, die Schlauchtasche bzw. das Euter sowie offene Wunden dürfen niemals direkt besprüht werden. Hier trägt man das Mittel besser sanft mit einem Schwamm oder einem Tuch auf.
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Online-Werbung Reiten & PferdeWirkungsdauer: Wie lange hält der Schutz?
Die Hersteller werben gerne mit "Schutz bis zu 24 Stunden". In der Realität des Stallalltags sieht das meist ganz anders aus. Das ist in den meisten Fällen aber nur unter Laborbedingungen möglich, ähnlich wie beworbene Produkte auch im menschlichen Umfeld von der Hautcreme, über das Deodorant (für Personen, denen es wichtig ist auch 72 Stunden ohne Dusche auszukommen) bis hin zu Nahrungsmitteln / Nahrungsergänzungsmitteln.
- Im Ruhemodus: Steht das Pferd entspannt im Schatten auf der Koppel, können gute Icaridin- oder DEET-Präparate 4 bis 8 Stunden Schutz bieten. Pflanzliche Öle verfliegen meist deutlich schneller (1 bis 3 Stunden).
- Der Schweiß-Faktor (Beim Reiten): Sobald das Pferd arbeitet und schwitzt, halbiert sich die Wirkungsdauer drastisch. Der Schweiß schwemmt den Wirkstoff mechanisch weg und die austretende Buttersäure sowie das CO2 überlagern das Repellent. Nach 30 bis 60 Minuten intensiver Arbeit ist der Schutz oft komplett verflogen.
Phänomen Wirkungslosigkeit der Insektensprays
Viele Reiter kennen diese Frustration: Man kauft ein neues Fliegenspray, in der ersten Woche herrscht absolute Ruhe – doch nach zwei Wochen scheinen die Bremsen das Spray förmlich auszulachen. Haben sich die Insekten darauf eingestellt?
Anpassung der Insekten - ein Mythos
Dass sich Insekten innerhalb weniger Wochen genetisch an ein Repellent anpassen (Resistenzbildung), ist bei rein abwehrenden Düften im Laufe eines Sommers unmöglich. Eine echte Resistenz entwickeln Insekten nur über Generationen hinweg gegen tödliche Gifte (Insektizide). Warum lässt die Wirkung also scheinbar nach?
- Der Bremsen-Druck steigt: Im Laufe des Sommers (besonders an schwülen Tagen vor Gewittern) steigt die Anzahl und die Aggressivität der Bremsen exponentiell. Die weibliche Bremse braucht das Blut für ihre Eiablage. Ist der biologische Trieb und der Hunger groß genug, überwinden die Insekten den unangenehmen Geruch des Sprays und stechen trotzdem zu. Das Spray ist nicht schlechter geworden – der Gegner ist einfach verzweifelter.
- Gewöhnung der Pferde-Sensorik: Das Pferd schwitzt an unterschiedlichen Tagen anders (abhängig von Futter, Temperatur, Grasqualität). Ändert sich die Schweißzusammensetzung, kann das Spray den Eigengeruch nicht mehr perfekt maskieren.
- Die menschliche Wahrnehmung: Wenn ein Spray 90 % der Fliegen abhält, fallen uns die verbleibenden 10 %, die dennoch nerven, extrem auf. Wir nehmen das "Versagen" des Mittels subjektiv stärker wahr als den eigentlichen Schutz.
Tipps für die maximale Wirkung im Alltag
- Sprühen auf trockenem Fell: Trage das Spray immer auf das komplett trockene Pferd auf. Auf feuchtem Fell (z.B. nach dem Abspritzen) kann sich der Wirkstofffilm nicht richtig mit den Haaren verbinden und perlt sofort ab.
- Wirkstoff-Wechsel (Rotation): Da Insekten auf unterschiedliche Duftreize reagieren (Bremsen reagieren stark auf visuelle Reize und Wärme, Mücken auf CO2), macht es Sinn, zwei verschiedene Sprays mit unterschiedlichen Basis-Wirkstoffen (z. B. eins mit Icaridin und eins auf Basis von Citriodiol) abwechselnd zu nutzen. Das erhöht die Erfolgschancen im Laufe des Sommers.
- Die "Schwamm-Methode" am Kopf: Statt das Pferd panisch mit der Sprühflasche im Gesicht zu traktieren, sprühe eine großzügige Menge auf einen weichen Schwamm und fahre damit um die Augen (mit Sicherheitsabstand) und um die Nüstern herum. Das spart Wirkstoff und schont die Pferdenerven.
Einige der Wirkstoffe stellen wir auch gesondert auf unseren Seiten vor, damit ihr einen besseren Einblick über die Hintergründe, Entwicklung und Entstehung und auch über die Wirkung für eure Pferde bekommen könnt.
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