Der Pferdesattel: Maßanzug für die Wirbelsäule und Brücke zum Reiter
Der Sattel ist das wichtigste Bindeglied zwischen Mensch und Pferd. Seine zentrale Aufgabe ist so genial wie anspruchsvoll: Er muss das Gewicht des Reiters, das punktuell auf das Gesäß wirkt, großflächig und gleichmäßig auf die tragfähige Rückenmuskulatur des Pferdes verteilen. Dabei müssen die empfindliche Wirbelsäule und der Widerrist komplett frei von Druck bleiben.
Ein schlecht sitzender Sattel führt unweigerlich zu chronischen Schmerzen, Verspannungen und Verhaltensproblemen beim Pferd. Ein passender Sattel hingegen ist gelebter Tierschutz. Doch Sattel ist nicht gleich Sattel – je nach Disziplin unterscheiden sich die Formen drastisch.
Die verschiedenen Sattelformen im Überblick
Je nachdem, welchen Schwerpunkt Reiter und Pferd setzen, ist der Sattel völlig anders konstruiert, um die Biomechanik optimal zu unterstützen.
Westernsattel: Komfort für lange Strecken
Ursprünglich für die harte, stundenlange Arbeit der Cowboys entwickelt, steht hier maximale Gewichtsverteilung im Vordergrund.
- Merkmale: Er ist deutlich größer und schwerer als englische Sättel. Er besitzt eine breite Auflagefläche (Bars) und das markante Sattelhorn an der Vorderzwiesel, das früher zum Festmachen des Lassos diente.
- Effekt: Extrem bequem für Wanderreiter, da das Reitergewicht auf eine riesige Fläche verteilt wird.
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Bailey Alexander / Unsplash QuelleDressursattel: Fokus auf den tiefen Sitz
Der Dressursattel ist für das Reiten mit langem, gestrecktem Bein ausgelegt.
- Merkmale: Er besitzt eine tiefe Sitzfläche und sehr lange, gerade geschnittene Sattelblätter.
- Effekt: Er setzt den Reiter nah an den Schwerpunkt des Pferdes und erlaubt durch die langen Blätter eine sehr feine, millimetergenaue Schenkelhilfengebung.
Springsattel: Freiheit über dem Hindernis
Im Parcours muss der Reiter den „leichten Sitz“ einnehmen und die Knie stark anwinkeln.
- Merkmale: Der Sattel hat eine flachere Sitzfläche und nach vorne geschnittene, kurze Sattelblätter. Zudem besitzt er dickere Polsterungen (Pauschen) vor und hinter dem Knie.
- Effekt: Er gibt dem Bein des Reiters bei der Landung und bei engen Wendungen Halt und engt das Pferd in der Flugphase in der Schulterrotation nicht ein.
Vielseitigkeitssattel (VSD / VSS): Der Allrounder
Wer sich nicht festlegen möchte oder gerne ausreitet, greift zum Vielseitigkeitssattel. Er ist der Kompromiss aus Dressur und Springen.
- Varianten: Man unterscheidet oft zwischen VSD (Vielseitigkeit Schwerpunkt Dressur – mit etwas längerem Blatt) und VSS (Vielseitigkeit Schwerpunkt Springen – mit weiter nach vorne geschnittenem Blatt).
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Online-Werbung Reiten & PferdeDie wichtigsten Bestandteile eines Sattels
Um zu verstehen, wie ein Sattel funktioniert, muss man seine Anatomie kennen:
- Der Sattelbaum: Das unsichtbare Skelett im Inneren des Sattels (meist aus Holz, Glasfaser oder Kunststoff). Er bestimmt die Grundform und Schwung des Sattels.
- Das Kopfeisen: Das Metallteil ganz vorne im Sattelbaum. Es bestimmt die Kammerweite und damit, wie gut der Sattel um den Widerrist herum passt. Viele moderne Sättel haben verstellbare Kopfeisen.
- Die Sattelkissen (Polsterung): Die zwei weichen, meist mit synthetischer Wolle gefüllten Schläuche an der Unterseite, die links und rechts der Wirbelsäule auf dem Pferderücken aufliegen.
- Der Kissenkanal (Wirbelsäulenkanal): Der Freiraum zwischen den beiden Sattelkissen. Er sorgt dafür, dass die Wirbelsäule des Pferdes niemals berührt wird.
- Die Pauschen: Kissenartige Erhöhungen auf oder unter dem Sattelblatt, die dem Reiterbein Halt und Stabilität geben.
- Die Strupfen: Die Lederriemen, an denen der Sattelgurt festgeschnallt wird.
Kriterien: Der richtige Sattel zum Reiten
Wenn Sie einen Sattel kaufen, sollten Sie drei Kernbereiche im Auge behalten:
- Der Verwendungszweck: Überlegen Sie ehrlich, was Sie zu 80 % der Zeit im Sattel tun. Ein Springsattel ist für lange Dressurarbeit kontraproduktiv; ein Dressursattel im Gelände kann bei einem unerwarteten Satz des Pferdes einschränkend sein.
- Das Material: Leder ist der langlebige, edle Klassiker. Es atmet, passt sich mit der Zeit an, erfordert aber viel Pflege. Synthetik/Kunststoff (z. B. Wintec) ist extrem leicht, pflegeleicht (einfach abwaschbar) und oft günstiger, erreicht aber selten den Sitzkomfort von hochwertigem Leder.
- Die Anpassbarkeit: Wählen Sie ein Modell, das flexibel ist. Da Pferde durch Training, Weidesaison oder Alter Muskeln auf- und abbauen, muss der Sattel im Laufe seines Lebens fast immer nachgepolstert oder im Kopfeisen verstellt werden können.
Wie findet man den optimal passenden Sattel?
Der Kauf eines Sattels sollte niemals „von der Stange“ oder blind im Internet stattfinden. Ein falscher Sattel kann dem Pferd irreparable Schäden zufügen. Der Weg zum perfekten Sattel führt über folgende Schritte:
Schritt 1: Der professionelle Sattler (Sattel-Fitting)
Holen Sie einen unabhängigen, gelernten Sattler oder Saddle-Fitter an den Stall. Dieser vermisst den Pferderücken präzise mit speziellen Messgittern oder digitalen Scan-Verfahren. Zudem vermisst er das Gesäß des Reiters (die Sitzgröße wird in Zoll angegeben, z. B. 17,5" für durchschnittliche Erwachsene).
Schritt 2: Die Kriterien der Pferdepassform (Die Checkliste)
Ein Sattel passt optimal, wenn er beim Auflegen auf das nackte Pferd folgende Punkte erfüllt:
- Widerristfreiheit: Es müssen mindestens zwei bis drei Finger Platz zwischen dem Widerrist und der Vorderzwiesel sein – auch unter dem Gewicht des Reiters.
- Schulterfreiheit: Der Sattel darf nicht auf oder direkt hinter dem Schulterblatt klemmen, da sich dieses in der Bewegung nach hinten schiebt.
- Die richtige Länge: Ein Sattel darf niemals über die 18. Brustwirbelsäule (T18) hinausragen. Dahinter beginnt die Lendenwirbelsäule, die keine Rippenbögen mehr zur Unterstützung hat und kein Gewicht tragen kann.
- Der korrekte Schwerpunkt: Der tiefste Punkt des Sattels muss exakt in der Mitte liegen. Ist er zu weit hinten, drückt der Sattel auf die Lenden; ist er zu weit vorne, werden die Schultern überlastet.
Mache den Drucktest: Ein gutes Indiz für die Passform ist das Schweißbild. Wenn Sie nach einer intensiven Reitstunde den Sattel abnehmen, sollte das Fell unter den Kissen gleichmäßig feucht sein. Komplett trockene Flecken inmitten von Schweiß deuten auf extremen punktuellen Druck hin, der die Schweißdrüsen abklemmt!
Schritt 3: Das Probereiten
Ein Sattel kann auf dem stehenden Pferd perfekt aussehen – in der Bewegung zeigt sich die Wahrheit. Reiten Sie den Sattel in allen drei Grundgangarten zur Probe. Achten Sie darauf, ob Ihr Pferd entspannt abschnaubt, den Rücken hergibt und freudig vorwärtsläuft – denn das Pferd ist letztendlich der wichtigste Kritiker.
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