Freiheit im Pferdemaul: Alles über die gebisslose Zäumung
Die Vorstellung, ein Pferd ganz ohne Metallstück im Maul zu reiten, fasziniert immer mehr Reiterinnen und Reiter. Was früher oft als reine „Freizeitreiter-Mode“ oder Notlösung für schwierige Pferde abgetan wurde, hat sich längst zu einer ernstzunehmenden Alternative im modernen Pferdesport entwickelt. Doch wie funktioniert das Reiten ohne Gebiss eigentlich, wie verändern sich die reiterlichen Hilfen und was bedeutet dieser Wechsel konkret für das Pferd?
Funktionsweise der gebisslosen Zäumung
Während ein klassisches Trensengebiss direkt auf die hochempfindliche Zunge, die Laden (zahnfreier Teil des Unterkiefers) und die Maulwinkel des Pferdes einwirkt, nutzen gebisslose Zäumungen andere Druckpunkte am Pferdekopf. Je nach Modell wird der Zügelzug auf das Nasenbein, die Ganaschen, den Unterkiefer oder das Genick umgeleitet.
Das Besondere daran ist die Vielfalt der Systeme, die sich grundlegend in ihrer Wirkungsweise unterscheiden:
- Sanfter, direkter Druck (z. B. Sidepull, Lindel): Wirkt ähnlich wie ein Halfter, aber präziser. Der Druck erfolgt rein auf das Nasenbein. Gibt der Reiter den linken Zügel vor, spürt das Pferd links einen sanften Druck auf der Nase und weicht diesem nach rechts aus.
- Überkreuzte Wirkung (z. B. Bitless Bridle): Die Zügel verlaufen unter dem Pferdekopf überkreuz. Zieht man am linken Zügel, zieht sich die Schlaufe auf der rechten Seite der Ganasche zusammen. Das Pferd wird quasi von der gegenüberliegenden Seite „geschoben“.
- Hebelwirkung (z. B. Hackamore, Glücksrad): Diese Zäumungen besitzen Metallanzüge (Schenkel). Durch die Hebelkraft wird der Zügelzug vervielfacht und wirkt gleichzeitig auf das Nasenbein, die Kinnkette (Unterkiefer) und das Genick. Achtung: Diese Systeme gehören ausschließlich in sehr erfahrene Reiterhände!
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Dominik Perau / Pexels QuelleGründe für den Einsatz von gebissloser Zäumung
Es gibt viele Gründe, warum Reiterinnen und Reiter auf das Gebiss verzichten:
- Medizinische Gründe: Zahnwechsel bei Jungpferden, akute Entzündungen oder Verletzungen im Maulraum sowie anatomische Besonderheiten (z. B. eine sehr flache Ladenform oder eine dicke Zunge), die das Tragen eines Gebisses schmerzhaft machen.
- Korrektur von Problemen: Pferde, die schlechte Erfahrungen mit harten Reiterhänden gemacht haben und sich gegen das Gebiss wehren (Kopfschlagen, Zähneknirschen, Zunge-über-das-Gebiss-Strecken), finden ohne Metall im Maul oft ihre Losgelassenheit wieder.
- Philosophie: Der Wunsch nach einer möglichst naturnahen, partnerschaftlichen und gewaltfreien Kommunikation, bei der das Pferd nicht über Schmerzreize im sensiblen Maul kontrolliert wird.
Vorteile für die Pferde
Die Vorteile für die Pferde bei der gebisslosen Zäumung liegen wohl auf der Hand - aber wir zählen sie der Vollständigkeit halber trotzdem kurz auf.
Wer sich vorstellt - und sich das vorstellen kann - eine Trense im Mund zu haben und damit gesteuert zu werden, kann sich wohl einfach ausmalen, was daran unangenehm sein könnte.
- Freiheit im Maul: Das Pferd kann physiologisch normal schlucken und atmen. Ein Gebiss blockiert oft den natürlichen Schluckreflex, was zu vermehrtem Speichelfluss führt.
- Schmerzprävention: Knochenhautentzündungen an den Laden oder Quetschungen der Zunge sind ausgeschlossen.
- Psychische Entspannung: Viele Pferde zeigen sich ohne den permanenten Fremdkörper im Maul deutlich gelassener und kaufreudiger auf die feinen Hilfen.
Nachteile für die Pferde
- Empfindliches Nasenbein: Das Nasenbein des Pferdes läuft nach vorne hin extrem dünn und spitz zu. Ein zu tief verschnallter oder zu scharf eingestellter Nasenriemen (z. B. bei einer mechanischen Hackamore) kann den empfindlichen Knochen oder die darunterliegenden Nervenbahnen schwer schädigen oder gar brechen.
- Fehlende Feineinstellung (Anlehnung): Die sogenannte „Beizäumung“ (das Herantreten an den Zügel in vertikaler Flexion) ist ohne Gebiss biomechanisch schwerer zu erreichen. Viele Pferde neigen dazu, sich auf der Nase abzustützen oder den Hals starr zu machen.
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Online-Werbung Reiten & PferdeKonsequenz beim Reiten
Wer glaubt, einfach das Gebiss weglassen zu können und genauso weiterzureiten wie bisher, wird schnell an seine Grenzen stoßen. Gebisslos reiten erfordert ein Umlernen beim Menschen. Die Konsequenz bie der Verwendung von gebisslosen Zäumungen ist im Prinzip recht einfach. Die anderen Hilfen werden viel wichtiger und relevanter und es fällt die konstante Verbindung zum Pferdemaul nicht völlig weg, aber sie ist nicht mehr mit der Feinheit machbar. Daher sind die anderen Hilfen nun Priorität, wenn du gebisslos reiten willst.
Sitz- und Gewichtshilfen werden zur Priorität
Ohne Gebiss verlierst du die „Notbremse“. Wenn ein Pferd im Maul keinen Begrenzungsreiz spürt, lässt es sich über einen bloßen Zügelzug im Ernstfall kaum stoppen. Der Reiter muss lernen, das Pferd zu $90\%$ über das Kreuz, die Gewichtsverlagerung und die Schenkel zu reiten, zu wenden und anzuhalten. Die Zäumung ist nur noch der Rahmen, nicht das Steuerungselement.
Keine konstante, ziehende Verbindung
Ein klassischer Trensengewohnheit-Fehler ist das Reiten mit einer permanenten, strammen Verbindung („Anlehnung“). Bei einer gebisslosen Zäumung führt Dauerdruck auf der Nase dazu, dass das Pferd abstumpft. Die Hilfengebung muss nach dem Prinzip Impuls und sofortiges Nachgeben erfolgen. Sobald das Pferd reagiert, MUSS der Druck weg sein.
Modifizierte Schenkelhilfen bei Kreuz-Systemen
Bei Zäumungen, die überkreuz wirken (Bitless Bridle), muss sich der Reiter bewusst sein, dass der Impuls zeitverzögert ankommt und das Pferd von der äußeren Seite begrenzt wird. Hier muss der treibende Schenkel exakt mit der Zügelhilfe abgestimmt sein, damit das Pferd nicht verwirrt wird.
Mehr als nur ein Trend: Gebisslose Zäumung
Gebisslose Zäumungen sind weit mehr als ein Trend – sie sind ein großartiges Werkzeug für mehr Pferdewohl und eine Überprüfung des eigenen reiterlichen Könnens. Sie zeigen schonungslos auf, wie unabhängig und ausbalanciert der eigene Sitz tatsächlich ist. Wer die Anatomie des Pferdekopfes respektiert, das passende System wählt und bereit ist, primär über Gewicht und Schenkel zu kommunizieren, wird mit einem zufriedenen, losgelassenen Partner belohnt, der auch ohne Metall im Maul treu an den Hilfen steht.
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