Gerte beim Reiten: Präziser Signalgeber statt Strafwerkzeug
Neben Schenkeln und Zügeln gehört sie zu den bekanntesten Hilfsmitteln im Reitsport: die Gerte (oder in ihrer längeren Form, die Peitsche). Doch kaum ein Ausrüstungsgegenstand wird von Laien so oft missverstanden und im Alltag so häufig falsch eingesetzt.
In der klassischen Reitlehre ist die Gerte niemals ein Instrument zur Bestrafung oder ein Ventil für Frust. Sie dient als verlängerter Arm des Reiters, um Signale zu verfeinern, die Hinterhand des Pferdes zu aktivieren oder die Aufmerksamkeit zu lenken. Wie man sie korrekt hält, welche Arten es gibt und worauf bei der Anwendung zwingend zu achten ist, erklärt dieser Ratgeber.
Korrekte Haltung und Nutzung im Sattel
Die beste Gerte ist nutzlos, wenn sie den Reiter in seiner eigenen Balance stört. Daher ist die richtige Handhabung das Fundament für einen pferdegerechten Einsatz.
Wie wird die Reitgerte gehalten?
- Der Griff: Die Gerte wird zusammen mit dem Zügel in der Faust gehalten. Der Griff der Gerte schaut dabei nach oben (beim Daumen) heraus, während der lange Stab nach unten/hinten wegführt.
- Die Balance: Du solltest die Gerte so umschließen, dass sie locker, aber fest in der Hand liegt und nicht wie eine Wippe nach vorne oder hinten ausschlägt. Die Handgelenke müssen trotz Gerte absolut geschmeidig und flexibel bleiben.
- Der Winkel: Die Gerte wird in der Regel schräg nach unten über den Oberschenkel des Reiters in Richtung der Pferdeflanke oder der Hinterbeine geführt.
Wie wird die Reitgerte richtig genutzt?
Die Gerte wird durch ein feines, kurzes Drehen oder leichtes Schütteln aus dem Handgelenk eingesetzt. Die Zügelverbindung zum Pferdemaul darf dabei niemals unterbrochen oder unruhig werden. Das Problem: Du hast nur zwei Hände, es ist daher für unsichere Reiterinnen und Reiter gar nicht so einfach einerseits die Gerte zu steuern, andererseits aber die Zügelverbindung zum Pferdemaul gut aufrecht zu erhalten.
- Das Signal: Der Impuls ist ein kurzes, sanftes Touchieren (Antippen). Es geht darum, einen gezielten Nervenreiz zu setzen, der das Pferd dazu animiert, mit dem entsprechenden Bein aktiver unter den Schwerpunkt zu fußen. Sobald das Pferd reagiert, wird die Gerte sofort wieder ruhig gehalten (Lob durch Nachgeben).
Die unterschiedlichen Gerten- und Peitschenarten
Je nach Disziplin und Einsatzzweck variieren Länge, Flexibilität und Balance der Gerten erheblich:
Dressurgerte (Länge: ca. 110 – 140 cm)
- Merkmale: Sie ist lang und relativ flexibel. Am Ende besitzt sie meist einen kurzen Faden oder eine kleine Schnur (Schlag).
- Zweck: Aufgrund ihrer Länge kann der Reiter die Hinterbeine oder die Kruppe des Pferdes punktgenau touchieren, ohne die Zügelhand nach hinten bewegen oder die Grundposition verändern zu müssen.
Springgerte / Turniersprunggerte (Länge: ca. 50 – 75 cm)
- Merkmale: Deutlich kürzer, dicker und starrer als die Dressurgerte. Sie besitzt am Ende eine breite Leder- oder Kunststofflasche (die „Klatsche“).
- Zweck: Im Parcours hat der Reiter die Bügel kurz geschnallt. Eine lange Gerte würde sich in den Sprüngen verfangen. Die Springgerte wird bei Bedarf am Pferdehals oder knapp hinter dem Reiterbein eingesetzt. Das Geräusch der Klatsche dient hier oft mehr als akustischer Weckruf vor dem Sprung denn als physischer Reiz.
Fahr- und Longierpeitsche (Länge: ab 160 cm bis über 200 cm)
- Merkmale: Keine Reitgerte, sondern ein Werkzeug für die Arbeit vom Boden aus (beim Longieren) oder vom Kutschbock. Sie besteht aus einem langen, starren Stock und einer sehr langen Schnur (Schlag).
- Zweck: Sie überbrückt die physische Distanz zum Pferd an der Longe und treibt das Pferd auf der Kreisbahn sanft von hinten an oder begrenzt die Schulter.
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Online-Werbung Reiten & PferdeDie Materialien: Von klassisch bis High-Tech
Gerten müssen extrem leicht sein, um den Reiterarm nicht ermüden zu lassen, gleichzeitig aber elastisch und unzerbrechlich:
- Glasfaser (Fiberglas): Das heute gängigste Kernmaterial. Es ist sehr günstig, extrem flexibel und nahezu unkaputtbar. Die Kerne werden meist mit einem robusten Nylonfaden umflochten.
- Carbon (Kohlefaser): Das High-Tech-Material für Profis. Carbon-Gerten sind federleicht und besitzen eine exzellente Eigendynamik. Sie schwingen im Takt des Pferdes minimal mit, ohne unkontrolliert zu schlottern. Sie sind allerdings teurer und empfindlicher gegen Schläge auf harte Kanten (z. B. die Bandenreiter).
- Leder / Bambus: Traditionelle Materialien, die heute vor allem aus optischen Gründen (z. B. im Jagdreiten oder in der klassischen Barockreiterei) genutzt werden.
Vor- und Nachteile der Gertenanwendung
Vorteile:
- Präzise Unterstützung: Sie hilft jungen Pferden, die Schenkelhilfe überhaupt erst zu verstehen (als visueller und taktiler Verstärker).
- Aktivierung der Hinterhand: Sie ermöglicht es, gezielt die Aktivität der Muskeln anzusprechen, die für die Versammlung (z. B. bei der Piaffe oder Passage) nötig sind.
- Korrekturhilfe: Sie kann bei Pferden, die gerne über die Schulter ausbrechen, als begrenzende Barriere eingesetzt werden.
Nachteile & Risiken:
- Abstumpfung: Wer die Gerte bei jedem Schritt mechanisch mitschwingen lässt und das Pferd permanent stupft, stumpft das Tier ab. Das Pferd ignoriert das Signal irgendwann komplett („gertenmüde“).
- Angst und Verspannung: Ein zu harter oder ungerechter Einsatz erzeugt beim Pferd Angst. Das Tier zieht den Rücken ein, verspannt sich und flüchtet vor der Hilfe – ein harmonisches Reiten ist dann unmöglich.
- Sicherheitsrisiko: Sensible oder traumatisierte Pferde können extrem heftig auf das bloße Zeigen einer Gerte reagieren (Buckeln, Steigen), was für den Reiter gefährlich werden kann.
4 Tipps für die richtige Anwendung der Reitgerte
Wenn du mit einer Gerte reitest, solltest du folgende Grundregeln stets im Hinterkopf behalten:
- Erst der Schenkel, dann die Gerte: Die Gerte ist niemals die erste Hilfe! Wenn dein Pferd nicht auf deinen treibenden Schenkel reagiert, gibst du die Hilfe ein zweites Mal zusammen mit einem leichten Touch der Gerte. Die Gerte sagt dem Pferd nur: "Hör auf meinen Schenkel!".
- Kontrolliere deine Emotionen: Benutze die Gerte niemals, wenn du wütend, frustriert oder ungeduldig bist. Jede Gertenhilfe muss absolut emotionslos, sachlich und wohlüberlegt erfolgen.
- Die Gerte wechselt die Hand: Wenn du die Hand wechselst (also die Richtung in der Bahn änderst), wechselt die Gerte in der Regel in die neue innere Hand. So kannst du das innere Hinterbein des Pferdes in den Wendungen optimal unterstützen. Nimm dir Zeit, das Umgreifen der Gerte im Halten zu üben, ohne am Zügel zu ziehen.
- Achte auf die Turnierschnitt-Regeln: Wenn du Turniere reitest, informiere dich genau über die Leistungsprüfungsordnung (LPO). In vielen Prüfungen ist die Länge der Gerte streng limitiert (z. B. maximal 120 cm inklusive Schlag in der Dressur), oder das Mitführen einer Gerte ist in der Prüfung komplett verboten.
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