Die neue Chefin?

Viktoria hat sich vorgenommen alles zu versuchen. Ihre neuen Pflichten und Herausforderungen lässt sie dabei während sie von der Villa durch den Wald zum Reiterhof marschiert, vor ihrem geistigen Auge mehrmals Revue passieren.
Am Hof angekommen sieht Viktoria, wie dort bereits der Betrieb losgegangen ist. Als sie am Hauptgebäude vorbeimarschiert und auf ihrem Mobiltelefon einen Artikel über Unternehmensführung liest, steht Paul gerade mit der Tierärztin Dr. Maybach vor dem Eingang. Worüber die beiden gerade sprechen, weiß Viktoria nicht. Aber sie sieht zumindest, dass Paul offenbar gerade nichts zu tun hat. Sie bleibt kurz stehen.
Getrieben von den neuen Herausforderungen fühlt sich Viktoria irgendwie in die Ecke gedrängt. Ihre Kehle wirkt trocken, der Mund ist trocken, alles fühlt sich einen Moment lang schwer an. Sie blickt an sich selbst herab, die Schuhe glänzen, der Rock wirkt ein wenig verknittert. Sie greift den schwarzen Rock und zieht ihn mit einem Ruck nach unten, sodass er fest und glatt sitzt. „Los geht’s!“ denkt Viktoria bei sich.
Vielleicht, denkt Viktoria, ist das eine gute Gelegenheit gleich mit der neuen Aufgabe konfrontiert zu sein und sich damit vertraut zu machen. Ihr Blutdruck steigt, Viktoria kann die Nervosität förmlich spüren.
„Paul!“ ruft sie ihm zu.
„Ja?“, Paul wendet sich zu Viktoria hin.
„Komm her.“
Paul geht auf Viktoria zu. „Was gibt’s?“ will er wissen.
„Hast du nichts zu tun?“ fragt Viktoria ihn forsch, dreht sich kurz um und blickt auf den Reitplatz. „Da sehe ich aber relativ viel Arbeit für dich.“
„Klar, ich mach mich an die Arbeit. Entschuldige bitte.“, erwidert Paul kleinlaut. Viktoria marschiert weiter ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen. Paul geht zurück zur Anne Maybach und verabschiedet sich kurz von ihr. Er wundert sich ein wenig über die Unterbrechung. Eigentlich hatte er noch nie das Gefühl, dass er sich seine Arbeit nicht frei einteilen könnte. Viktorias Verhalten ist irgendwie seltsam, denkt Paul bei sich.
Sie hat Paul schon öfter Arbeitsaufträge erteilt und ihm gesagt, was er zu tun hat. Aber irgendwie fühlt sich das heute anders an: Nach mehr Verantwortung aber auch nach mehr Distanz. Vielleicht ist er ab sofort nicht mehr der Paul, den sie darauf hinweist, was er zu erledigen hat. Vielleicht ist es auch ihr Vater, der von ihr erwartet, dass sie allen klar macht, dass sie nun … und an dieser Stelle enden ihre Gedanken. Was hat er gesagt? Die Chefin ist? Sie überlegt, das Wort „Chefin“ hat ihr Vater nicht benutzt, dessen ist sie sich sicher. Wie hat er das erklärt? Nach kurzem Nachdenken schießt es ihr wieder ein: „Regie führen“.
So hat sich Viktorias Vater gestern bei der umfangreichen Besprechung mit den Akten und Ordnern ausgedrückt. Der Job eines Regisseurs ist es penibel darauf zu achten, dass alles stimmt. Im Theater oder beim Film geht es auch darum, dass die Charaktere, die gespielt werden, auch nach mehreren Wochen immer noch die gleichen Wesenszüge haben, überlegt Viktoria. So stellt sie sich jedenfalls den Job »Regie« vor, abgesehen vom Klappstuhl mit der Aufschrift »Regie«. Der einzige Schluss, der ihr dazu einfällt: Sie muss penibel darauf achten, dass alle Dinge in Ordnung sind.
Und sie kann heute nicht reiten gehen, weil kein einziger von Viktorias’ Sätteln den Brand überlebt hat. Das frustriert und lenkt ein wenig ab. Viktoria versucht sich zu konzentrieren. Trotzdem muss auch heute Nightfire wieder mal bewegt werden, überlegt Viktoria. Schließlich geht sie ins Lokal hinein, geht in die Küche nach hinten und nimmt sich ein Getränk aus dem Kühlschrank. Sie setzt geht an der Vitrine vorbei, betrachtet die vielen Pokale, die größtenteils ihrer Mutter und ihr selbst gehören von diversen Turnieren auf denen sie gute Platzierungen geschafft hat.
Mit dem Gefühl von leichter Überforderung setzt sich Viktoria auf die Couch vor der Pokal-Vitrine. „Bin ich jetzt hier die neue Chefin?“ überlegt sie, „Was kommt da auf mich zu?“. Viktoria nimmt ihr Mobiltelefon wieder in die Hand und liest weiter auf der Seite, die sie für ihr momentan wichtigstes Thema gefunden hat.
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Ein Reiterhof-Krimi von Elvira G.
Elvira G. möchte herausfinden, ob ihre Geschichte aus deiner Sicht eine gute Geschichte ist. Wir veröffentlichen hier ihre Geschichte, sie möchte es noch nicht mit ihrem vollständigen Namen veröffentlichen. Sie (und wir) freuen uns über Feedback zu dieser Geschichte von dir.
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