Kandare: Königsklasse der Zäumung oder tierschutzrelevante Härte?
Die Kandare gilt in der klassischen Reitlehre als das Instrument der ultimativen Verfeinerung. Wer ein Pferd auf Kandare reitet, demonstriert – zumindest theoretisch – ein Höchstmaß an Durchlässigkeit, Balance und feiner Kommunikation. Doch kein anderes Gebiss steht gleichzeitig so stark im Fokus von Tierschützern und Kritikern. Ein falscher Zug an den Kandarenzügeln kann im empfindlichen Pferdemaul enormen Schaden anrichten.
Dieser Artikel beleuchtet die Funktionsweise der Kandare, zeigt die Einsatzbereiche im Sport- und Freizeitbereich auf, nennt die kritischen Aspekte und gibt konkrete Tipps für den verantwortungsvollen Einsatz.
Wie funktioniert eine Kandare und wie wird sie eingesetzt?
Im Gegensatz zur Wassertrense, die primär auf Zug wirkt, basiert die Kandare auf dem Hebelprinzip. Ein klassischer Kandarenzaum (im englischen Dressursport) besteht aus zwei Gebissen, die gleichzeitig im Pferdemaul liegen:
- Die Unterlegtrense: Ein dünnes, meist doppelt gebrochenes Wassertrensengebiss, das wie gewohnt über die oberen Zügel bedient wird. Es dient der seitlichen Führung und dem Herankommen an den Zügel.
- Das Kandarenglied (Stange): Ein starres Stangengebiss mit seitlichen Metallanzügen (Ober- und Unterbäume). Am oberen Ende wird die Kinnkette eingehakt, die unter dem Unterkiefer des Pferdes verläuft.
Die Hebelwirkung im Detail
Nimmt der Reiter den Kandarenzügel an, dreht sich die Stange im Maul. Dabei passiert dreierlei gleichzeitig:
- Die Unterbäume wandern nach hinten, wodurch Druck auf die Zunge und die Laden (die zahnfreie Kieferkante) entsteht.
- Die Oberbäume kippen nach vorne und erzeugen über das Genickstück der Trense Druck auf das Genick des Pferdes.
- Die Kinnkette wird strammgezogen und drückt gegen den hochsensiblen Unterkieferknochen.
Durch diese dreifache Hebelwirkung reicht ein minimaler Impuls des Reiters aus, um eine starke Reaktion des Pferdes zu provozieren. Sie dient in der Hohen Schule dazu, das Pferd in der Versammlung noch feiner abzustimmen und das Beizäumen zu perfektionieren.

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David Trinks / Unsplash QuelleTypische Materialien im Kandarenbau
Da die Kandare ohnehin ein sehr direktes und starres Gebiss ist, wird beim Material penibel darauf geachtet, dass es für das Pferd so angenehm und geschmacksintensiv wie möglich ist:
- Sensogan / Aurigan / Sweet Copper: Diese modernen Kupferlegierungen sind im Kandarensport der absolute Standard. Sie laufen im Maul leicht an, schmecken süßlich und regen den Speichelfluss an. Ein gut kauerndes Pferd entspannt den Kiefer, was bei einer starren Stange besonders wichtig ist.
- Edelstahl: Wird aufgrund seiner extremen Langlebigkeit und leichten Reinigung ebenfalls oft verwendet, regt das Pferd aber nicht aktiv zum Kauen an.
- Kunststoff / Carbon: Einige Hersteller bieten Kandarenstangen mit Kunststoff- oder Carbon-Ummantelung an. Sie sind wärmer im Maul und eignen sich für Pferde, die extrem sensibel auf den reinen Metallkontakt reagieren.
Gefahren und Tierschutz-Kritik: Das schmale Feld zur Tierquälerei
Die Kandare ist per se kein Folterinstrument – aber sie wird in den falschen Händen blitzschnell dazu. Aus diesem Grund steht sie seit Jahren massiv in der Kritik von Tierschützern und Tierärzten:
- Heftige Schmerzeinwirkung: Durch die Hebelwirkung können bei einem groben Ruck der Reiterhand mehrere Kilogramm Druck auf den hauchdünnen Knochen der Laden und den Unterkiefer wirken. Dies kann zu unsichtbaren, aber extrem schmerzhaften Knochenhautentzündungen oder Quetschungen der Zunge führen.
- Das „Ergwingen“ der Kopfhaltung: Die häufigste Kritik im modernen Turniersport betrifft das sogenannte Rollkuren oder die erzwungene Hyperflexion. Unreif ausgebildete Pferde werden mit der Hebelkraft der Kandare mechanisch in eine senkrechte oder hinter der Senkrechten liegende Kopfhaltung gezwungen („den Kopf runterknallen“). Das Pferd läuft scheinbar in einer schönen Form, bricht aber im Rücken komplett ein und leidet unter massiver Atemnot und Verspannung.
- Falsch verschnallte Kinnketten: Ist die Kinnkette zu stramm, wirkt der Hebel sofort und ungebremst. Ist sie zu locker, stellt sich die Kandare „durch“, was die Oberbäume schmerzhaft in die Wangeninnenseite presst.
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Turniere und der Leistungssport mit der Kandare
In der klassischen englischen Dressur war die Kandare ab den schweren Klassen (Klasse M und S) jahrzehntelang zwingend vorgeschrieben. Ohne Kandare durfte man nicht starten.
- Die Entwicklung: Nach jahrelangen Protesten von Reitern und Tierschützern hat hier ein Umdenken stattgefunden. Die nationalen und internationalen Verbände (wie die FEI und die FN) haben die Regeln gelockert. In vielen Ländern ist es mittlerweile auch in hohen Klassen erlaubt, wahlweise auf Trense zu reiten. Die Pflicht weicht immer mehr der Freiwilligkeit, was von Kritikern als großer Schritt für den Tierschutz gefeiert wird.
Freizeitreiterei und "Touristisches Reiten" mit Kandare?
Im Freizeitsport wird die Kandare extrem zwiespältig gesehen. Viele Freizeitreiter lehnen sie komplett ab, da im Gelände oder beim entspannten Ritt keine Lektionen gefordert sind, die eine solche Hebelwirkung rechtfertigen.
Die Ausnahme: Im Westernreiten (wo die Kandare Bit genannt wird) und in der iberischen/barocken Reitweise wird das Pferd im fortgeschrittenen Stadium fast ausschließlich auf blanke Kandare (oft einhändig) geritten. Hier dient sie jedoch als reines „Signal-Gebiss“ am durchhängenden Zügel. Der Zügel wird im Idealfall überhaupt nicht angenommen, das Pferd reagiert rein auf das Gewicht und die Stimme.
Tipps für den richtigen und verantwortungsvollen Einsatz
Wenn du dich entscheidest, dein Pferd auf Kandare umzustellen, solltest du folgende Kernregeln beherzigen:
- Der Kandaren-TÜV für den Reiter: Du darfst die Kandare erst anfassen, wenn du einen absolut unabhängigen Sitz hast. Deine Hand muss unabhängig von deiner Bewegung im Sattel völlig ruhig stehen können. Wenn du dich bei einem Stolperer des Pferdes am Zügel festhalten musst, verbietet sich die Kandare von selbst.
- Die 45-Grad-Regel für die Kinnkette: Die Kinnkette muss so verschnallt werden, dass die Anzüge der Kandare bei Zügelanzug in einem Winkel von exakt 45 Grad zum Pferdemaul stehen, bevor die Kette greift. Nutze zudem immer einen Kinnketten-Schutz (aus Gummi oder Leder), um den empfindlichen Unterkieferknochen zu polstern.
- Die Kandare reitet man über den Sitz: Die Kandare ist kein Bremswerkzeug. Das Pferd wird weiterhin zu 95 % über deine Gewichts- und Schenkelhilfen geritten. Die Kandarenzügel liegen meist fast gewichtslos in der Hand und werden nur für minimale Nuancen (ein sanftes Eindrehen des Ringfingers) genutzt.
- Lass dich anleiten: Schnalle niemals im stillen Kämmerlein eine Kandare ein, weil es „schick“ aussieht. Hole dir einen erfahrenen Trainer an die Seite, der die Maße (die Zunge des Pferdes muss genug Platz für zwei Gebisse bieten!) prüft und dich beim ersten Reiten mit zwei Zügelpaaren korrigiert.
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