Schwerelos im Zweitakt: Wie Leichttraben und Leichter Sitz das Pferd entlasten
Der Trab ist eine dynamische Gangart, die Pferd und Reiter gleichermaßen fordert. Die vertikalen Stoßkräfte, die im diagonalen Zweitakt entstehen, können ungefiltert zu einer echten Belastungsprobe für den Pferdekörper werden. Um dem entgegenzuwirken, greifen Reiter auf zwei bewährte Methoden zurück: das Leichttraben und den Leichten Sitz (Entlastungssitz) im Trab.
Beide Techniken haben ein klares Ziel: den Pferderücken frei von Druck zu halten. Doch was passiert dabei eigentlich genau im Pferdekörper, welche Skelett-Teile und Muskeln werden geschont – und wie gleicht man den unvermeidbaren Kontrollverlust aus?
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R. Vidmar (echonet)Anatomie der Entlastung: Was passiert im Pferdekörper?
Wenn der Reiter im Leichten Sitz verweilt oder beim Leichttraben kontrolliert aufsteht, verändert sich die Biomechanik des Pferdes drastisch. Statt die Stoßkraft des Reitergewichts bei jedem Tritt abzufangen, wird der Pferdekörper punktuell und großflächig entlastet.
Die Wirbelsäule und die Dornfortsätze
Die Brust- und Lendenwirbelsäule des Pferdes ist nicht für das Tragen von statischen Lasten im tiefen Sitz gemacht. Beim Aussitzen drückt das Reitergewicht genau auf den Bereich, in dem die Dornfortsätze (die knöchernen Ausläufer der Wirbel) am empfindlichsten sind.
Die Auswirkung: Durch das Entlasten wird verhindert, dass die Wirbel blockieren oder im schlimmsten Fall aufeinanderstoßen (Kissing Spines). Die Wirbelsäule kann im Trab frei nach oben und unten schwingen.
Der lange Rückenmuskel (Musculus longissimus dorsi)
Dieser paarige Muskel verläuft links und rechts entlang der Wirbelsäule. Entgegen der häufigen Annahme ist er kein reiner Tragmuskel, sondern ein Bewegungsmuskel, der für den Vortrieb und das Biegen zuständig ist.
Die Auswirkung: Ist der Rückenmuskel durch ein plump einsitzendes Reitergewicht dauerhaft komprimiert, verkrampft er. Das Pferd hält den Atem an und drückt den Rücken weg. Im Leichten Sitz oder beim Leichttraben bekommt dieser Muskel die nötige Durchblutung, kann elastisch kontrahiert werden und das Pferd beginnt, den Rücken „herzugeben“ und den Hals vertrauensvoll nach vorne-unten zu dehnen (Vorwärts-Abwärts-Tendenz).
Das Nacken-Rückenband-System und die Bauchmuskeln
Pferde tragen das Reitergewicht biomechanisch über eine Art „Brückenkonstruktion“. Wenn der Rücken entlastet wird, wird die Bauchmuskulatur aktiviert. Sie zieht das Becken des Pferdes nach vorne-oben. Gleichzeitig spannt sich das Nacken-Rückenband, das vom Hinterhauptbein bis zum Kreuzbein verläuft.
Die Auswirkung: Diese Muskel-Band-Kette hebt den Pferderücken wie eine Hängebrücke an. Das Entlasten ermöglicht dem Pferd überhaupt erst, diese Brücke stabil und schmerzfrei zu halten.
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Online-Werbung Reiten & PferdeNachteile: Der Preis der Entlastung
Wo viel Licht ist, ist auch Schatten. Der größte Nachteil beim Leichttraben und insbesondere beim Leichten Sitz im Trab ist der Verlust an feinster Einwirkung.
- Durch den fehlenden oder reduzierten Gesäßkontakt zum Sattel fallen Kreuz- und Gewichtshilfen fast vollständig weg.
- Die Verbindung zum Pferdekörper ist instabiler, da der Schwerpunkt des Reiters höher liegt.
- Das Pferd nutzt den freien Rücken manchmal aus, um unkontrolliert nach vorne wegzustürmen („unter dem Reiter weglaufen“) oder sich den Hilfen durch ein fixes Tempo zu entziehen.
Kontrollverlust ausgleichen: Modifizierte Hilfengebung
Um diesen Nachteil auszugleichen und das Pferd auch ohne tiefen Einsitz kontrolliert und formiert zu halten, müssen Schenkel- und Zügelhilfen angepasst werden.
Der feste Knieschluss ist tabu: Balance über die Wade
Viele Reiter neigen im Leichten Sitz dazu, sich mit den Knien am Sattel festzuklemmen. Das blockiert das Pferd in der Schulter.
Die Schenkelhilfe: Der Halt wird stattdessen über ein tief federndes Sprunggelenk und eine konstant anliegende, sanft umfassende Wade gesichert. Da du keine Gewichtshilfen über die Knochen geben kannst, wird die Wade zum primären Kommunikationsmittel. Sie treibt das Pferd sanft an den Zügel heran und rahmt es seitlich ein, damit es nicht schwankt.
Elastische Zügelhilfen aus dem Unterarm
Da sich dein Oberkörper im Leichten Sitz leicht nach vorne neigt oder sich beim Leichttraben auf und ab bewegt, besteht die Gefahr, dass die Reiterhand die Bewegung mitmacht und im Pferdemaul riegelt.
Die Zügelhilfe: Das Ellbogengelenk muss wie ein Stoßdämpfer funktionieren. Trotz deiner Körperbewegung muss die Verbindung zum Pferdemaul absolut ruhig und konstant bleiben. Da du das Pferd nicht „erfetten“ (mit dem Kreuz bremsen) kannst, erfolgen Paraden zum Einfangen des Tempos über feine, aufeinanderfolgende Impulse aus den Fingern und dem Handgelenk, niemals durch ein statisches Ziehen.
Die Stimme als Brücke
Wenn die feinen Hilfen des Beckens fehlen, ist die Stimme ein hervorragendes Werkzeug im Entlastungssitz. Ein tiefes, gedehntes „Schooo-ooh“ kann ein eiliges Pferd im Trab oft besser beruhigen und bremsen als ein Zügelzug, der ohne Kreuzhilfe ins Leere läuft.
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